Trumps erratische Strategie

Der vorläufige Verzicht des US-Präsidenten auf die Verhängung von Autozöllen sollte niemanden beruhigen. Denn dahinter steht keine Einsicht – die Unsicherheit für die Autobauer bleibt.


Sportwagen für den Export bei Porsche (Archivbild)

Krisztian Bocsi/ Bloomberg/ Getty Images

Sportwagen für den Export bei Porsche (Archivbild)

Donnerstag, 16.05.2019  
08:26 Uhr

Der spontanste Freudensprung fand an der Börse statt: Kaum hatte sich am Mittwoch die Nachricht verbreitet, dass Donald Trump auf die Verhängung von Autozöllen erst einmal verzichtet, schossen die Kurse von Daimler und BMW, aber auch die von GM und Ford hoch.

Denn nicht nur bei den erfolgreichen deutschen Autoexporteuren hatte in den vergangenen Monaten die Angst ums Geschäft grassiert, auch in den USA schlug die Sorge vor den Folgen möglicher Importbeschränkungen des US-Präsident hoch. Nun ist die Erleichterung groß.

Da wäre nur noch ein Problem: Die Freude ist verfrüht.

Wirtschaftsvertreter betonen gerne, dass nichts so schädlich für sie ist wie Unsicherheit – die aber ist das Einzige, was Donald Trump ihnen garantiert. Die Entscheidungen dieses US-Präsidenten sind unvorhersehbar, erratisch und absolutistisch. Die Gnadenfrist von offenbar bis zu sechs Monaten bei den Autozöllen verdankt die Welt nicht der gewachsenen Einsicht des selbst ernannten “Zoll-Manns” oder auch nur dem Einfluss moderater Stimmen in der Administration, sondern der Tatsache, dass Trump nach dem Verhandlungsdebakel mit China nicht eine weitere Front aufmachen will. Denn auch in seiner Basis, bei den Farmern Amerikas, die um die Existenz kämpfen, wächst die Unruhe. Trump will seine Wähler deshalb nun mit zusätzlichen Milliarden an Agrarsubventionen befrieden.

Autozölle sind die Nuklearoption

Würde er in dieser Lage den Autokrieg erklären, hätte das seinen Kritikern Auftrieb gegeben. Denn in einem sind sich Industrievertreter, Konjunkturexperten, Verbrauchervertreter und viele Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks so einig wie selten: Autozölle schaden der Wirtschaft. Sie würden die Verbraucher Geld kosten, globale Lieferketten umwerfen und könnten im schlimmsten Fall die wackelige Weltkonjunktur zum Kippen bringen. Kurz: Sie sind die Nuklearoption des vom US-Präsidenten angezettelten Handelskriegs.

Trumps Moratorium ist daher in seinem Kalkül das Gebot der Stunde: Er muss sich dann nicht mit weiteren Protesten im eigenen Lager herumschlagen und behält zugleich das Druckmittel gegen Deutschland und die EU in der Hand. So könnte er die Zolldrohung dazu nutzen, um Europa zu Verhandlungen über eine Öffnung des Agrarsektors zu drängen. Die Autozölle könnten auf diese Weise “zum trojanischen Pferd” werden, sagte David Hauner von Bank of America Merrill Lynch dem Sender CNBC. Denn der Agrarsektor sei es, “wo das große Geschäft für die USA und Europa stattfindet”.

Erreicht Trump nichts, kann er die Zollwaffe wieder anlegen. Wie er sich nach dem Ablauf der neuen Frist entscheiden wird, kann niemand vorhersagen. Wenn es ihm in sechs Monaten innenpolitisch opportun erscheint, wird er ungeachtet aller Expertenwarnungen den angedrohten Zoll von 20 oder 25 Prozent auf importierte Autos und Teile aufschlagen. Oder er wird die Frist nach seinem Gusto ein weiteres Mal verlängern. Nur eines ist ziemlich undenkbar: Dass Trump die Zölle irgendwann endgültig absagt. Am besten verhandelt es sich nach seiner Lebenseinstellung schließlich mit der Pistole in der Hand.

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Kritiker halten sich zurück

Zwar gibt es selbst in den Reihen der Republikaner Widerstand gegen die Handelspolitik des Präsidenten, die die Wirtschaft zur Geisel seiner Wiederwahl-Bestrebungen nimmt. Wie zaghaft die vermeintlichen Revoluzzer aber im Ernstfall auftreten, konnte man gerade beim Stopp der Handelsgespräche mit China beobachten. Die Kritik am Scheitern des größten Dealmakers aller Zeiten blieb verhalten. Selbst die Demokraten fürchten, von den Wählern als zu chinafreundlich wahrgenommen zu werden, und hielten sich zurück. Trump hat freie Hand. Man sei nun “genau da, wo wir sein wollen”, trompetete der Mann im Weißen Haus nach dem erfolglosen Treffen der Unterhändler der USA und Chinas. Das Schlimmste: Er glaubt das womöglich wirklich.

Die Europäer haben nur eine Möglichkeit, um Trumps Drohung den Schrecken zu nehmen. Sie müssen sich darauf einstellen, dass die Autozölle kommen. Die spontane Freude der Börsianer wird vermutlich nicht allzu lange währen.


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