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Frauen streiken für Gleichberechtigung: Warum die Schweiz zu den rückständigsten Ländern Europas zählt

Wussten Sie, dass Frauen im Kanton Appenzell bis 1990 nicht wählen durften? Dass sie noch bis 1988 verpflichtet waren, den Haushalt zu führen? Seither hat sich wenig getan. Tausende Schweizerinnen legen deshalb die Arbeit nieder.


Frauen demonstrieren am 1. Mai in Zürich: Solidarische Männer willkommen

Arnd Wiegmann/ REUTERS

Frauen demonstrieren am 1. Mai in Zürich: Solidarische Männer willkommen


Die violetten Fahnen wehen seit Wochen aus Fenstern, von Balkonen und Brücken. In den sozialen Medien haben unzählige Schweizerinnen ihr Profilbild mit dem Streiksymbol versehen: eine erhobene Faust mit rot lackierten Fingernägeln. Im ganzen Land tagen Organisationskomitees, Kitas suchen notfallmäßig männliche Betreuer, im öffentlichen Verkehr werden Störungen erwartet.

An diesem Freitag findet in der Schweiz der zweite nationale Frauenstreik statt – ein nationales Großereignis zu dem Hunderttausende Teilnehmerinnnen erwartet werden. Wie viele Frauen die Arbeit niederlegen werden, ist unklar – beim ersten Frauenstreik im Jahr 1991 nahmen rund eine halbe Million Menschen teil. Die Schweiz hat acht Millionen Einwohner. Im ganzen Land sind unzählige Aktionen geplant, in verschiedensten Branchen und Milieus. In Grossstädten wie Zürich, Basel, Bern oder Genf sind Demonstrationen angemeldet.

So steht es um die Gleichstellung in der Schweiz

Verschiedene Organisationen haben zum Frauenstreik aufgerufen, darunter viele Prominente. So wollen zum Beispiel die Sängerin Sophie Hunger oder Corinne Mauch, die Präsidentin der Stadt Zürich am Streik teilnehmen. Der Nationalrat, das Schweizer Parlament, wird seine Sitzung am Freitag aus Solidarität mit den Frauen für 15 Minuten unterbrechen, manche Behörden unterstützen den Streik aktiv.

So gewährt zum Beispiel die Stadt Uster im Kanton Zürich allen Angestellten eine offizielle Streikzeit von drei Stunden, um an der örtlichen Kundgebung teilzunehmen – doch längst nicht alle Arbeitgeber sind so entgegenkommend. Die Schweiz bildet bei der Gleichstellung eines der Schlusslichter in Europa:

  • Erst seit 1971 dürfen Frauen überhaupt wählen, im Kanton Appenzell Innerrhoden sogar erst seit 1990.
  • Vergewaltigung in der Ehe war bis 1992 straffrei und ist erst seit 2004 ein Delikt, das auch von Amtes wegen geahndet wird.
  • Einen gesetzlichen Mutterschutz von gerade mal 14 Wochen gibt es erst seit 2006, und Vätern steht nach der Geburt ihres Kindes nur ein einziger freier Tag zu.
  • Die Schweiz hat das teuerste Kinderbetreuungssystem der Welt: Ein Baby fünf Tage die Woche in einer Krippe betreuen zu lassen, kostet rund 3000 Franken – die Hälfte eines Schweizer Durchschnittslohns. Ab dem zweiten Kind macht es deshalb für viele Frauen ökonomisch keinen Sinn mehr, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Das ist die Ausgangslage, die viele der Streikenden antreibt.

Das soll sich ändern

2017 thematisierte der Schweizer Kinofilm “Die göttliche Ordnung” die Rückständigkeit des Landes in Sachen Gleichstellung. Der Film von Petra Volpe erzählt die Geschichte der Hausfrau Nora im Jahr 1971, die auf dem Dorf lebt und deren Ehemann ihr verbietet, arbeiten zu gehen. Das Ehegesetz gab ihm Recht: Es verpflichtete Frauen bis 1988, den Haushalt zu führen. Nora beginnt, sich für feministische Literatur zu interessieren und für das Stimmrecht der Frauen zu kämpfen. Der Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde für den Oscar eingereicht.

Warum gerade der 14. Juni? Der größte Frauenstreik in der Geschichte der Schweiz fand vor 28 Jahren, am 14. Juni 1991 statt. Rund eine halbe Million Schweizerinnen legten damals ihre Arbeit nieder. Den Anfang hatten Uhrmacherinnen im Kanton Jura gemacht: Sie wollten sich nicht länger gefallen lassen wollten, dass ihre männlichen Kollegen für die gleiche Arbeit fast das Doppelte verdienten.

Was sind die Forderungen heute? Beim nationalen Streikkomitee heißt es:

“Nach wie vor verdienen Frauen deutlich weniger als Männer, je nach Erhebungsmethode zwischen 12 und 2 Prozent. Im Rentenalter haben Frauen durchschnittlich ca. 37 Prozent weniger zur Verfügung. Frauen erledigen immer noch zwei Drittel der unbezahlten Arbeit wie Haushalt, Betreuung und Erziehung der Kinder und reduzieren daher die Erwerbsarbeit. Teilzeitarbeit heißt häufig unfreiwillige Flexibilität, prekäre Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, schlechtere Laufbahnchancen und reduzierte Ansprüche bei den Sozialversicherungen und Renten. Das wollen wir ändern.”

Viele junge Frauen engagieren sich

Der Streik ist dezentral organisiert. Natascha Wey, Präsidentin der SP-Frauen Zürich und Generalsekretärin bei der Gewerkschaft der Staatsangestellten (VPOD), sagt: “In den letzten Wochen haben die Vorbereitungen noch einmal so richtig Fahrt aufgenommen. Sehr viele Frauen, die sich jahrelang nicht engagiert haben, sind nun wieder engagiert. Aber auch unglaublich viele junge Frauen.” Der Impuls zum landesweiten Streik kam ursprünglich aus der französischsprachigen Schweiz, wo die Bevölkerung im Allgemeinen progressiver eingestellt ist als in der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz.

Die Gewerkschaft VDOP und die linke Partei SP Schweiz haben früh zum Streik aufgerufen, andere Organisationen und Verbände haben sich angeschlossen, auch die Kirchenfrauen und viele Bäuerinnenverbände.

Im letzten Moment sind sogar die konservativen Politikerinnen aufgesprungen. Fünf Tage vor dem Streiktermin erklärten die Frauen der bürgerlichen Parteien CVP, FDP, BDP und GLP zusammen mit dem Verband der Business and Professional Women: Auch sie gehen am 14. Juni auf die Straße. Die Begründung: “Die Gleichstellung von Frau und Mann geht nicht nur linke Parteien und Gewerkschaften, sondern alle etwas an.” Sie nennen es einfach nicht Streik, sondern Aktionstag.

Grund zur Hoffnung

Für Diskussionen sorgte im Vorfeld des Frauenstreiks die Frage, ob auch Männer beim Streik willkommen sind. “Es geht an diesem Tag nicht um sie”, sagt Wey. “Aber solidarische Männer sind willkommen. Sie sollen sich nützlich machen, damit die Frauen streiken können. Auf Kinder aufpassen oder andere unverzichtbare Aufgaben übernehmen.”

In der Schweiz sind Streiks seltener als in Italien, Frankreich oder Deutschland. Galt 1991 noch das Motto “Wenn Frau will, steht alles still”, sind diesmal erstaunlich viele Streikwillige und Arbeitgeber darum bemüht, die Arbeitsniederlegung möglichst konfliktfrei zu gestalten. Das hat im Vorfeld zu absurden Diskussionen darüber geführt, ob Arbeitgeber ihren Mitarbeiterinnen den Streik erlauben oder die Angestellten einen Ferientag beziehen müssen, um zu streiken. Der Konsensgedanke ist typisch Schweizerisch, das gesamte demokratische System ist auf der Idee des Kompromisses aufgebaut.

Diesen Herbst wird in der Schweiz auf nationaler Ebene gewählt, der Wahlkampf läuft bereits. Viele Frauen hoffen, mit dem Streik auch das Ergebnis der Wahlen zu beeinflussen und im Herbst den Anteil der Frauen im Parlament zu erhöhen. Der erste Streik gibt Grund zur Hoffnung: 1991 hatte in der siebenköpfigen Landesregierung noch nie auch nur eine Frau gesessen. Zwei Jahre später wurde mit Elisabeth Kopp die erste Frau in den Bundesrat gewählt. 2010 war dann vorübergehend sogar eine Mehrheit der Ministerinnen weiblich – nach wenig mehr als einem Jahr war die männliche Mehrheit allerdings wiederhergestellt.


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