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Tory-Wahlkampf in Großbritannien: Chefkatze sucht neuen Mitbewohner

Zehn Konservative möchten Nachmieter werden in 10 Downing Street. An diesem Donnerstag startet das Auswahlverfahren. Wie funktioniert das? Und wer hat die besten Chancen, britischer Premier zu werden?


"Chief Mouser" Larry: Lebt seit 2011 in Downing Street

Peter Nicholls/REUTERS

“Chief Mouser” Larry: Lebt seit 2011 in Downing Street


Die erste Hürde haben sie schon einmal genommen: Zehn britische Tories reichten fristgerecht ihre Bewerbungsunterlagen ein, versehen mit jeweils mindestens acht Unterstützerunterschriften. Zehn Abgeordnete der Konservativen also, die offiziell ins Rennen um den Parteivorsitz gehen – und damit auch um den Premierministerposten. Von so viel Gestaltungswillen, das sei bei allem berechtigen Spott über die britische Politik auch mal gesagt, können die deutschen Parteien nur träumen.

Wer folgt auf Theresa May? Das ist die große Frage im Königreich, seitdem die Regierungschefin von der Tory-Spitze zurückgetreten ist. Bis Ende Juli will sie auch als Premierministerin abtreten. Doch das kann sie nur, wenn ihr Nachfolger bereits feststeht. Als neuer Chef der Regierungspartei würde dieser automatisch auch in Downing Street einziehen.

Längst tobt in London ein heftiger Machtkampf um die Gunst von Fraktionskollegen und Parteivolk. Die Tories wählen ihr Spitzenpersonal nicht in Hinterzimmern – sondern in einem festgeschriebenen, offenen Verfahren aus. An diesem Donnerstag geht es los. Die Hintergründe.

So funktioniert der Auswahlprozess:

Zunächst entscheidet die Tory-Fraktion im Unterhaus: Sie muss aus den zehn Bewerbern zwei Kandidaten bestimmen. Das geschieht in mehreren Abstimmungsrunden. Am Donnerstag fliegen jene Anwärter aus dem Rennen, die nicht mehr als 16 Abgeordnete hinter sich versammeln können. Am kommenden Dienstag müssen alle Kandidaten ihre Ambitionen aufgeben, die weniger als 33 Stimmen auf sich vereinen. Weitere Runden sind für Mittwoch und Donnerstag geplant: pro Abstimmung scheidet dann ein Bewerber aus – bis am Ende zwei Politiker übrigbleiben.

Die beiden verbliebenen Kandidaten müssen sich in Phase zwei des Verfahrens der Basis der Konservativen stellen. Ab dem 22. Juni können die 160.000 Tory-Mitglieder per Briefwahl für ihren Favoriten votieren. Die Kontrahenten begeben sich auf Wahlkampftour durchs Land. Das Ergebnis soll in der Woche ab dem 22. Juli bekannt gegeben werden.

Unter Umständen aber kann alles auch schon viel früher feststehen: 2016 hatte Andrea Leadsom, Theresa Mays letzte verbliebene Kontrahentin, noch vor der Urwahl aufgegeben – der Weg für May war damit frei. Die Basis musste nicht mehr befragt werden.

Das sind die Kandidaten:

Im Tory-Machtkampf 2016 dominierten Politikerinnen, diesmal sind die Männer zumindest vorerst klar in der Überzahl. Unter den zehn Bewerbern sind nur zwei Frauen, eine davon: wieder Leadsom, bis vor Kurzem im Kabinett für Parlamentsangelegenheiten zuständig. Doch für die Brexit-Hardlinerin ist diesmal die Konkurrenz aus dem EU-kritischen Lager besonders groß. Das gilt auch für Arbeitsministerin Esther McVey, die sich mit besonders scharfen Parolen in Stellung bringen will. Sie werde einen EU-Austritt ohne Abkommen garantieren, versprach McVey kürzlich.

Topfavorit ist Boris Johnson, der endlich nach der Macht greifen will. Zwar ist der Ex-Außenminister berühmt für seine Skandale. Doch mit seinen Attacken gegen May und die EU hat er an der Basis kräftig Punkte gesammelt – und sich, trotz Oxford-Vergangenheit, den Ruf eines Anti-Establishment-Politikers aufgebaut. Johnsons größtes Problem ist die Fraktion, dort sehen ihn viele Parteifreunde besonders kritisch. Zuletzt gab es Ärger wegen Johnsons umstrittenen Steuerplänen. Ob er es in die Urwahl schafft, ist deshalb völlig offen.

Viele Beobachter sehen in Jeremy Hunt den Hauptkonkurrenten Johnsons. Er lehnt den Brexit nicht ab, setzt jedoch auf einen deutlich moderateren Kurs. Damit spricht er verschiedene Lager der Partei an. Zuletzt bekannten sich die Proeuropäerin Amber Rudd und die EU-Kritikerin Penny Mordaunt zu Hunt – ein großer Erfolg.

Ein weiterer Prominenter auf der Liste ist Michael Gove: Der Umweltminister hatte einst die Brexit-Kampagne angeführt, mittlerweile gibt er sich gemäßigter. In seiner Bewerbungsrede setzte er vor allem auf scharfe Attacken gegen Johnson. Ebenfalls im Rennen sind der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab, Gesundheitsminister Matt Hancock und Innenminister Sajid Javid. Als Außenseiter gelten der Abgeordnete Mark Harper und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart.

So läuft der Wahlkampf:

Viel kommt in den nächsten Tagen darauf an, welche Dynamik sich in Westminister entwickelt. Wen unterstützen die ausgeschiedenen Kandidaten? Wer zieht freiwillig zurück, um sich hinter einen aussichtsreicheren Bewerber zu stellen? Der eigene kleine Tory-Wahlkampf hinter den Kulissen läuft bereits.

Am Dienstag und am Mittwoch stellten sich die Kandidaten in der Fraktion vor – hinter verschlossenen Türen freilich. Auch am kommenden Montag soll es ein solches, streng geheimes Treffen geben. Am Dienstag wird es dagegen öffentlich: Die BBC überträgt eine TV-Debatte mit den Kandidaten. Allerdings ist nicht sicher, ob alle daran teilnehmen. Boris Johnson etwa hat seine Teilnahme offengelassen.

Bei all dem dominiert natürlich ein Thema den Wettstreit: der Brexit. Kein Kandidat will den EU-Austritt rückgängig machen – doch während manche auf No Deal zusteuern, würden andere den Ausstieg notfalls weiter aufschieben. Doch egal, wer am Ende siegt, der künftige Premierminister wird vor demselben Dilemma stehen wie schon Theresa May: das Parlament ist zutiefst gespalten, eine Mehrheit für irgendeine Brexit-Lösung ist nicht in Sicht. Deshalb könnte den Briten in diesem Jahr noch ein weiteres politisches Großereignis bevorstehen: Neuwahlen.


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