“Anne Will” zu Corona-Hilfen der Bundesregierung: Nicht wie viel, sondern wofür

Bekenntnis des Abends: Reiner Holznagel tritt gern mit Mario Barth auf und macht beruflich Lobby für einen schlanken Staat, indem er seinen Verein als Finanzgewissen der Nation präsentiert. Holznagel ist Präsident vom Bund der Steuerzahler (Steuerzahlerinnen haben offenbar einen eigenen Bund) und bekennt, er habe “ein schwieriges Verhältnis zur Solidarität”.

Aufschlag des Abends: Reiner Holznagel denkt “outside the box”. Angesichts der astronomischen Summen, die gerade zur Debatte stehen, würde er gern “über das Sparen sprechen”. Auf Nachfrage fällt ihm ein, dass der Bundestag zu groß sei und zu viel Geld für Klimaschutz ausgegeben werde; der sei sowieso “in aller Munde”.

Konter des Abends: Olaf Scholz bemerkt, dass bei Sparvorschlägen immer “groß angefangen” werde, und dann komme – nichts. Oder ein aufgeblähter Bundestag, und da sei “ein bisschen Unehrlichkeit dran”. Im Übrigen seien die Holznagel’schen Einlassungen “nicht die Antwort auf die Frage, die wir heute diskutieren”.

Mimik des Abends: Olaf Scholz, Meister aller Klassen der Subtilgrimassen. Der Finanzminister (SPD) hat offenbar einen mehrwöchigen Kurs (“So gucke ich souverän aus der Wäsche”) belegt, um ebenso beruhigt wie beruhigend in die Zukunft zu blicken. So unterschiedliche Dinge wie “So ist’s recht, sprich nur weiter!” und “So ist’s recht, rede dich nur um Kopf und Kragen!” steuert Scholz allein über die Mundwinkel. Großes Kino.

Floskel des Abends: Carsten Linnemann von der CDU und dortselbst Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion lehnt eine Vergemeinschaftung von Schulden ab und will einen “europäischen Mehrwert”. Er ist, wie auch sonst, ganz auf Linie des österreichischen Bundeskanzlers, der eine “Schuldenunion durch die Hintertür” befürchtet: “Wenn wir Geld geben”, so Linnemann, dann mit Blick auf einen “Mehrwert für Europa”. Das Geld dürfe nicht, wie auch sonst, in dubiosen Südländern “versickern”. Nein, es müsse einen “europäischen Mehrwert” geben. Offenbar ist Linnemann mit dem festen Vorsatz in die Sendung gekommen, einen “europäischen Mehrwert” zu fordern.

Konsumgutscheine oder sicherer Kindergartenplatz?

Erzählung des Abends: Was Linnemann der europäische Mehrwert, das ist Monika Schnitzer das “neue Narrativ”. Die Ökonomin ist Mitglied der “fünf Wirtschaftsweisen” und wünscht sich in Deutschland mehr Verständnis für Europa als “gemeinsamen Markt”, von dem auch Deutschland profitiere. Green Deal, Digitalisierung, E-Learning, der Aufbau von “Zukunftsmodellen”. Davon, so Schnitzer, solle man sich mehr erzählen.

Zankäpfel des Abends: Ja, wofür denn nun? Konsumgutscheine in Höhe von 300 Euro für Familien, wie Franziska Giffey (SPD) sie ins Gespräch gebracht hat, sind laut Olaf Scholz ein “Vorschlag der Familienministerin, der ziemlich viele gute Gründe auf seiner Seite hat”. Die grüne Gutverdienerin Annalena Baerbock wehrt sich unter Hinweis auf ihren Wohlstand gegen das Geld, sie hätte lieber einen sicheren Kindergartenplatz. Linnemann hingegen würde gern “den schwer betroffenen Firmen jetzt helfen”, denn: “Jeden Tag rufen mich Hotels, Gastronomen und so weiter an!”

Silbermedaille des Abends: Geht an Annalena Baerbock, nach Scholz die bestgebriefte Teilnehmerin der Runde. Da sprudelts nur so raus. Sie will “noch mehr Schulden” machen in Form von Zuschüssen, um “den Binnenmarkt wieder auf die Beine zu bringen”. Hilfe helfe auch der Autoindustrie, die angewiesen sei auf “Zulieferer in Italien”, sonst würden wieder, wie bei der Finanzkrise, irgendwelche “Häfen an die Chinesen verkauft”. Und außerdem würden die gemeinsamen Anleihen “über den EU-Haushalt verwaltet” und parlamentarisch kontrolliert, also alles in Butter. Scholz’ Mundwinkel sagen: “So ist’s recht, sprich nur weiter!”.

Fazit des Abends: Die Sendung steht unter dem Titel: “Milliarden gegen die Krise – wird das Geld richtig investiert?”. Monika Schnitzer bringt das mit einer eleganten Paraphrase schön auf den Punkt: “Es geht nicht darum, wie viel Geld ausgegeben wird. Es geht vor allem darum, wofür es ausgegeben wird”.

Innen des Abends: Anne Will verwendet geschlechtergerechte Sprache in ihrer Rede, sagt statt “Steuerzahler” schlicht “SteuerzahlerInnen” oder auch “Steuerzahler*innen”, so genau weiß man’s nicht, es könnten ebenso gut “Steuerzahler:innen” sein. Ist auch egal, weil die Moderatorin mit selbstverständlicher Eleganz die ansonsten durch Texte zeigefingernden oder blinkenden Sonderzeichen vermittels eines glottalen Verschlusslauts zu Gehör und damit zur Geltung bringt. Es tut nichts, aber auch gar nichts zu Sache (wir erinnern uns: “Milliarden gegen die Krise” und so weiter), ist aber nebenan bei Twitter männlicherseits der Aufreger schlechthin. So gut geht’s uns.

 


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