Wissenschaftler fordern mehr Transparenz von Facebook und Co.

Mehr als zwei Jahre ist es inzwischen her, dass Facebook angekündigt hat, der Forschungswelt einen umfangreichen Datenschatz zur Verfügung zu stellen. Im Zuge der Social Science One-Initiative sollten Forschende aus aller Welt interne Daten des Netzwerks nutzen dürfen, um zu untersuchen, inwiefern über das Netzwerk geteilte Falschmeldungen den Ausgang von Wahlen beeinflussen können.

Mark Zuckerberg erwähnte die Initiative sogar in seiner Anhörung vor dem US-Kongress als Beispiel für die Transparenz des Unternehmens. Nach der US-Wahl 2016 solle sie helfen, Einflussnahme bei Wahlen in Zukunft zu verhindern. Wenige Monate vor der US-Wahl 2020 ist der anfängliche Enthusiasmus in der Wissenschaftswelt zum Teil scharfer Kritik gewichen.

Forscher, die Daten aus der Studie erhalten sollten, bezeichnen das Projekt inzwischen als Fehlschlag. Mit den beteiligten Wissenschaftlern wurden bis heute weniger detaillierte Daten als ursprünglich geteilt. Als einen der Gründe führte Facebook dabei Datenschutzbedenken an.

Eine bisher unveröffentlichte Studie der Universität Amsterdam, die dem SPIEGEL vorliegt, legt nun dar, dass Regeln wie die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) kein Hindernis für wissenschaftliche Forschung sein müssen. Außerdem schlagen die Forscher verbindliche Regeln vor, die Tech-Konzerne wie Facebook, Google oder Twitter verpflichten würden, bestimmte Daten mit Wissenschaftlern oder auch der breiteren Öffentlichkeit transparent zu teilen.

Verfasst wurde die Studie von Jef Ausloos, Paddy Leerssen und Pim ten Thije von der Universität Amsterdam. Gemeinsam veröffentlicht wird sie am heutigen Donnerstag mit der deutschen Nichtregierungsorganisation “Algorithm Watch”, die die Studie auch in Auftrag gegeben hatte.

Was bei Gesundheitsdaten geht, soll auch bei Facebook funktionieren

Als mögliche Vorbilder verweisen die Autoren der Studie auf zwei bestehende Regelungen: Zum einen geht es dabei um das finnische Findata-System, in dem Gesundheitsstatistiken unter anderem für Forscher aufbereitet und zur Verfügung gestellt werden und zum anderen um das Schadstoffregister der Europäischen Union. Dieses verpflichtet große Industriebetriebe dazu, im Internet die Emissionen und Abfälle, die aus dem eigenen Betrieb entstehen, transparent für jeden einsehbar zu veröffentlichen.

Aus der erfolgreichen Umsetzung der beiden bestehenden Systeme könne man lernen, wie die Regeln für eine verpflichtende Datenherausgabe aufgebaut sein könnten, argumentieren die Studienautoren. So sei es wichtig, dass klar definiert sei, welche Art von Daten mit Forschenden und der Öffentlichkeit geteilt werden müssen und dass es Qualitätsanforderungen an die Aussagekraft der Daten geben müsse.

Zudem müsse eine unabhängige Institution geschaffen werden, die die Daten von den Tech-Unternehmen sicher verarbeitet und dann erst an Forscher weitergibt oder öffentlich zur Verfügung stellt. Eine solche Einrichtung würde auch dafür sorgen, dass keinerlei Bedenken wegen der Datenschutzgrundverordnung bestehen, da sie sicherstellen könnte, dass persönliche Daten nur anonymisiert und in einem sicheren Rahmen gesammelt werden.

Die Forscher schlagen außerdem vor, dass nur Unternehmen ab einer bestimmten Größe zur Weitergabe von Daten verpflichtet werden sollen. Konzerne, die sich nicht an die Regeln halten, sollen Strafen zahlen müssen.

Die EU könnte in wenigen Monaten Transparenzregeln für Tech-Konzerne verabschieden

Die Studie erscheint mitten in einem wichtigen Gesetzgebungsverfahren zur Regulierung der Tech-Konzerne auf europäischer Ebene: Noch bis Anfang September läuft der Konsultationsprozess der Europäischen Kommission für einen Digital Services Act (DSA). Diese Regelung könnte den großen Tech-Konzernen verschiedene verpflichtende Maßnahmen in Sachen Transparenz, dem Umgang mit strafbaren Inhalten und zur Beschränkung ihrer Marktmacht auferlegen.

Mackenzie Nelson von der deutschen Tech-NGO Algorithm Watch hofft, dass ein verbesserter Zugang zu den Daten der Tech-Konzerne langfristig auch zu besseren politischen Entscheidungen führt. “Der Medienstaatsvertrag ist ein deutsches Beispiel, das zeigt, dass die Internetregulierung nicht immer auf wissenschaftlichen Belegen basiert”, sagt Nelson dem SPIEGEL.

Damit allerdings Forschung zu den Themen möglich sei, bräuchten die Wissenschaftler auch Zugang zu den Daten. Initiativen wie Social Science One sieht Nelson skeptisch: “Die Tech-Konzerne führen freiwillige Initiativen ein, das kann ein guter erster Schritt sein”, sagt Nelson. “Aber häufig nutzen sie diese Selbstregulierung auch, um sinnvolle gesetzliche Regulierung zu verhindern.”

Eine Facebook-Sprecherin erklärte, dass es dem Unternehmen ein Anliegen sei, unabhängige Forschung zu fördern. “Wir haben eine Reihe von Programmen, die Wissenschaftler in unterschiedlichen Bereichen unterstützen”, so die Sprecherin. Aktuell gehöre dazu auch die Zusammenarbeit mit Forschern zu COVID19.

Icon: Der Spiegel


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