EU-Kommission: Was taugt das neue Klimaziel?

Ein halbes Jahrhundert hat es gedauert vom ersten regierungsoffiziellen Expertenbericht, der 1965 vor der globalen Erwärmung durch fossile Energienutzung warnte, bis 2015 das Pariser Klimaabkommen einstimmig beschlossen wurde. In Paris haben sich alle Staaten verpflichtet, die globale Erwärmung “deutlich unter 2 Grad Celsius” zu halten und “Anstrengungen zu unternehmen”, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Diese Ziele bedeuten, dass nur noch eine begrenzte Menge an Kohlendioxid ausgestoßen werden kann: Wie viel das ist, kann man sich als Emissionsbudget vorstellen – ähnlich einem Bankguthaben. Ist es aufgebraucht, spuckt der Automat kein Bargeld mehr aus, denn einen Überziehungskredit gewährt uns die Erde nicht.

Der wissenschaftliche Hintergrund hierfür ist der Zusammenhang zwischen globaler Erwärmung und Kohlendioxidausstoß. Die Temperatur erhöht sich annähernd proportional zur Gesamtmenge an CO₂, die seit Beginn der Industrialisierung ausgestoßen wurde. Für andere Treibhausgase wie Methan, Lachgas und FCKW gilt das nicht, weil sie schneller wieder abgebaut werden – aber auch sie müssen parallel zum Kohlendioxid reduziert werden.

Das Bild vom Klimaguthaben ist eine gute Möglichkeit, die Klimaschutzpolitik von Staaten oder der Welt insgesamt zu beurteilen: Bewegt sich die zugesagte Minderung von Treibhausgasen innerhalb des verbleibenden CO₂-Budgets, oder sprengen wir den Rahmen? Etwas komplizierter wird die Betrachtung, weil alle Staaten gleichzeitig Guthaben vom Klimakonto abbuchen.

Der Weltklimarat IPCC hat 2018 eine Tabelle mit dem verbleibenden globalen CO₂-Budget für unterschiedliche Klimaziele veröffentlicht. Um bei 1,5 Grad Erwärmung zu landen, können wir nur noch weniger als 500 Milliarden Tonnen Kohlendioxid emittieren. Die Menschheit liegt aktuell bei jährlich fast 45 Milliarden Tonnen.

Was ist Klimagerechtigkeit?

Das Paris-Abkommen sagt allerdings nicht, wie das verbleibende Emissionsbudget verteilt werden soll. Dazu muss man noch Annahmen treffen, was gerecht ist, und es werden unterschiedliche Vorstellungen diskutiert:

  • Gleiches Emissionsrecht für jeden Menschen. Der wohl einfachste Verteilungsschlüssel: Jeder Mensch hat das gleiche Recht, die Atmosphäre zu belasten. Damit würde das verbleibende globale Budget zum Zeitpunkt des Paris-Abkommens je nach Bevölkerung auf die Staaten verteilt.

  • Historische Verantwortung. Dabei werden zusätzlich historische Emissionen mitberücksichtigt. Das Budget könnte zum Beispiel schon ab 1990 aufgeteilt werden, dem Erscheinungsjahr des ersten IPCC-Berichts, ab dem jeder die Folgen des CO₂-Ausstoßes kennen musste. Oder ab 1992, als die Uno-Klimarahmenkonvention beim Erdgipfel in Rio beschlossen wurde. Das Problem dabei: Viele Industrieländer hätten bei diesem Prinzip ihr Budget längst überzogen.

  • Gleiche prozentuale Minderung in allen Ländern. Eine andere Möglichkeit ist, dass alle Länder ab sofort bis 2030 ihre Emissionen halbieren und bis 2050 auf null bringen – womit wir nahe 1,5 Grad landen würden. Doch diese Verteilungsformel würde die überhöhten Pro-Kopf-Emissionen der Industrieländer bis zum Ende zementieren – Deutschlands Pro-Kopf-Emissionen etwa sind doppelt so hoch wie im Weltdurchschnitt. Arme Länder mit geringen Emissionen müssten trotzdem sofort reduzieren. Das passt nicht zur “gemeinsamen aber differenzierten Verantwortung der Staaten”, die im Paris-Abkommen festgehalten ist – mit der natürlich die größere Verantwortung der Industriestaaten gemeint ist.

  • Jeder, was er kann. Dieses Prinzip, bei dem die Staaten je nach ihren technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten ihre Emissionen mindern, ließe sich nur schwer objektiv in konkrete Budgets übersetzen.

Im Paris-Abkommen herrscht bislang das Klingelbeutelprinzip: Jeder gibt so viel, wie er möchte. Mit der gegenwärtigen Politik steuern die Staaten allerdings eher auf eine katastrophale globale Erwärmung von 3 Grad zu. Daher ist es dringend notwendig, dass die Staaten sich ernsthafte Klimaschutzziele setzen – und laut Paris-Abkommen sollen sie genau dies in diesem Jahr tun.

Am 17. September hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein neues Klimaziel für Europa vorgeschlagen: eine Emissionsminderung um mindestens 55 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990. Das ist deutlich ambitionierter als der bisherige Plan, die Emissionen um 40 Prozent zu senken. Aber reicht es als fairer Beitrag der EU zum Pariser Klimaabkommen?

Reicht das neue EU-Ziel?

Am plausibelsten sind aus meiner Sicht die ersten beiden Gerechtigkeitsprinzipien. Das haben auch die Beratungsgremien der Bundesregierung so gesehen: der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Budgetgutachen von 2009 (an dem ich als Autor mitgewirkt habe) und der Umweltrat (SRU) in seinem diesjährigen Umweltgutachten.

Auf der Website Showyourbudgets.org kann man sich für jedes Land Paris-kompatible Emissionspfade anzeigen lassen, nach dem erstgenannten Gerechtigkeitsprinzip. Für die EU (schon ohne die Briten gerechnet) sieht das so aus:

Das neue EU-Ziel liegt zwischen den Kurven der Szenarien “Medium Case” und “Elevated Risk”, etwa mittig zwischen den Werten 1500 und 2000 auf der y-Achse. Einbezogen wurden die CO₂-Emissionen aus fossiler Energienutzung, Zementproduktion, Landnutzung und anteilig aus internationalem Flug- und Schiffsverkehr. Obwohl das EU-Ziel für Treibhausgase insgesamt und nicht nur für CO₂ gilt, geht die EU dabei von sehr ähnlichen Reduktionen für alle aus – weitere Gase neben Kohlendioxid machen derzeit knapp 20 Prozent der EU-Emissionen aus.

Das Budget ist übrigens die Fläche unter der jeweiligen Kurve – wer nicht geradlinig die Emissionen mindert, sondern anfangs schneller, kann dafür den Zeitpunkt, zu dem netto null erreicht wird, nach hinten schieben. Und umgekehrt – heute zaudern bedeutet später früher auf null sein zu müssen!

Nach dieser Analyse reicht das vorgeschlagene EU-Ziel nicht für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad, aber immerhin für auf deutlich unter 2 Grad. Und immerhin lautet das Ziel ja mindestens 55 Prozent.

Allerdings sind einerseits die gezeigten Pfade großzügig bemessen, indem die historischen Emissionen vor 2016 “vergeben und vergessen” werden – ebenso wie mögliche Erdsystemrückkopplungen, die laut IPCC das globale Budget nochmals verringern könnten. Andererseits gibt es natürlich Möglichkeiten zur internationalen Kooperation, durch die reiche Länder zusätzlich – und oft zu geringeren Kosten – in anderen Ländern zu Emissionsminderung beitragen können. Entwicklungsländer mit niedrigen Emissionen benötigen voraussichtlich nicht ihr ganzes Budget, wenn man sie im Gegenzug bei der Umstellung auf ein nachhaltiges Energiesystem unterstützt. Auch das internationale Engagement sollte daher bei der Beurteilung von Klimaschutz berücksichtigt werden.

Joe Biden könnte für einen globalen Klima-Kipppunkt sorgen

Kritisch diskutiert wird die Tatsache, dass die EU im neuen Ziel “negative Emissionen” durch die CO₂-Aufnahme von Wäldern gegenrechnet. Die gehören zwar auch zum Gesamtbild – sie sind aber nur ungenau zu bestimmen, und falls ein Wald abbrennt oder Schädlingen zum Opfer fällt, wird das zuvor aufgenommene CO₂ wieder frei. Daher ist in Bäumen gespeicherter Kohlenstoff nicht so stabil wie im Boden gelassene Kohle und insofern nicht gleichwertig.

Bei allem Für und Wider ist das neue EU-Ziel insgesamt vertretbar. Es ist so moderat gewählt, dass auch konservative Abgeordnete zustimmen können, aber es ist nicht vorbildlich – 60 Prozent Minderung wären besser. Es kann sein, dass es in einigen Jahren erneut nachgeschärft werden muss, aber es ist ein wichtiger Schritt vorwärts.

Sollte Joe Biden im November die US-Wahlen gewinnen, würden Europa mit seinem “European Green Deal” und die USA mit einer wahrscheinlich klimafreundlicheren Politik an einem Strang ziehen, angetrieben nicht zuletzt von der weltweiten Schülerbewegung Fridays for Future. Auch die chinesische Führung hat den Ernst der Klimakrise erkannt und sich erstmals zu Klimaneutralität bis 2060 bekannt. Wir könnten einem gesellschaftlichen Kipppunkt näher sein, als wir denken, ab dem Klimaschutz endlich mit dem nötigen Ernst angepackt wird. Denn am Ende zählen nicht schöne Worte und hehre Ziele, sondern nur Taten. Und die globale Fieberkurve.

Icon: Der Spiegel


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