Brexit: Gabriel Felbermayr gibt EU Mitschuld – “Die europäische Position ist zu ängstlich”

SPIEGEL: Herr Felbermayr, der britische Premier Boris Johnson droht mit dem Bruch des EU-Austrittsvertrags, den er selbst unterschrieben hat. Sind Verhandlungen unter solchen Bedingungen noch sinnvoll?

Felbermayr: Ja, ein Abkommen ist immer noch besser als kein Abkommen. Natürlich können es die Europäer nicht hin­nehmen, dass Johnson geltende Verträge ­aufkündigt. Aber dass die Brexit-Verhandlungen seit Monaten nicht vom Fleck kommen, ist nicht nur die Schuld der Briten. Dafür tragen auch die Europäer Verantwortung, die an London ein Exempel ­statuieren wollen.

SPIEGEL: In Brüssel finden viele, dass man bei den Brexit-Verhandlungen schon viel zu viel Geduld mit den Briten aufgebracht hat, die ständig ihre Ziele und Strategien ändern.

Felbermayr: Das sehe ich anders. Schon als Ex-Premier David Cameron vor dem Referendum 2016 mit der EU verhan­delt hat, ist ihm Brüssel in der wichtigen Frage der Migration nicht weit genug entgegengekommen. Die Europäer bestanden auf einem nahezu unbeschränkten Zuzug von Beschäftigten, obwohl sich etwa Deutschland selbst jahrelang gegen Osteuropa abgeschottet hatte. Brüssel hat die politische Stimmung in Großbritannien falsch eingeschätzt. Das gilt auch für die Debatte um das Austrittsabkommen.


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