Einwanderung: “Kanada sollte unser Vorbild sein”

Für Gerald Knaus ist Migration eine persönliche Angelegenheit. Seine Großmutter, eine Kosakin vom Schwarzen Meer, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin von Rotarmisten getötet. Seine Mutter versteckte sich als Staatenlose in Österreich. Knaus wuchs in Wien auf, später lebte er in der Ukraine, in Bulgarien und der Türkei.

2016 wurde er bekannt, als er mit seinem Thinktank “Europäische Stabilitätsinitiative” den Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei entwarf und die türkische, die niederländische und die deutsche Regierung von der Idee überzeugte. Für das Abkommen wurde er von Linken wie Rechten kritisiert, der 50-Jährige sieht sich selbst als Pragmatiker. “Welche Grenzen brauchen wir?”, fragt Knaus nun in seinem neuen Buch. Darin entwirft er eine neue europäische Flüchtlingspolitik.

SPIEGEL: Herr Knaus, seit Jahren debattiert die EU über Flüchtlingspolitik und wird sich nicht einig. Was hindert sie daran, eine Lösung zu finden?

Knaus: Wir sprechen viel über Migrationsdruck, obwohl heute regulär und irregulär nicht mehr Menschen aus Afrika nach Europa kommen als vor zwei Jahrzehnten. Wir reden über Migrationswellen, Fluten, Ströme. Das sind Mythen: irreguläre Migration als Naturgewalt, Flüchtlinge als mächtige Heerschar. Diese apokalyptischen Bilder entsprechen nicht der Realität.


About the Author



Back to Top ↑