Artenvielfalt in Deutschland: Wissenschaftler fordern neue Agrarpolitik

Die aktuelle europäische Agrarpolitik zerstöre die Artenvielfalt, und die derzeit geplante Reform gehe längst nicht weit genug, um das Artensterben aufzuhalten – das ist die Botschaft einer aktuellen Stellungnahme von mehreren Wissenschaftsakademien.

In ihrem Bericht zu “Biodiversität und Management von Agrarlandschaften” beschreiben die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina, die Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften die Folgen der Landwirtschaft für Pflanzen, Insekten und Vögel.

“Der Rückgang der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft ist so dramatisch, dass in Zukunft ernsthafte Folgen für die Funktionsfähigkeit der Agrarökosysteme und für das Wohlergehen des Menschen zu erwarten sind”, heißt es in dem Papier, das dem SPIEGEL vorliegt.

Keine Schuldzuschreibung

Dabei vermeiden die Autoren Schuldzuschreibungen. Viele Gründe wirken zusammen, oft sind sie logische Folge von Prozessen, denen die Bauern derzeit ausgeliefert sind, wenn sie überleben wollen:

Alles, was Landwirtschaft eben effizienter und wettbewerbsfähiger macht.

Sehr klar ist die Stellungnahme dagegen in der Schlussfolgerung:

  • “Die Situation ist dramatisch, der Handlungsbedarf akut. Auch deshalb wird es nicht genügen, nur einzelne Komponenten des Systems der Agrarlandschaft zu verändern. Es bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Wandels hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft.”

In der Stellungnahme finden sich deshalb unter anderem Vorschläge für bessere Informationen für Verbraucher oder für Forschungsansätze in der Wissenschaft. Besonders klar sind aber die Forderungen an die Politik.

Die Wissenschaftler formulieren Vorschläge, wie die Politik handeln könnte – und das, kurz bevor die Verhandlungen über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU in die entscheidende Phase gehen.

Die GAP gilt stets für sieben Jahre und ist der größte einzelne Haushaltsposten der EU. Jedes Jahr werden mehr als 50 Milliarden Euro an Europas Landwirte verteilt, davon allein gut sechs Milliarden in Deutschland. Im Schnitt machten diese EU-Subventionen zwischen 2010 und 2016 hierzulande nach Berechnungen der Autoren etwa ein Drittel der Einnahmen der Bauern aus.

Momentan wird intensiv über die neue GAP für die Jahre 2021 bis 2027 verhandelt. Noch im Oktober sollen im Europäischen Parlament und im Rat der Ministerinnen und Minister wichtige Entscheidungen fallen.

Die GAP ist, folgern die Wissenschaftler, ein entscheidender Hebel, um die Struktur der Landwirtschaft zu verändern. Es bedürfe “dringend einer grundlegenden Reform”.

Künftig sollten die Zahlungen der sogenannten Ersten Säule an die Auswirkungen auf die Umwelt und die biologische Vielfalt gekoppelt werden, schlagen die Wissenschaftler vor. Damit sind vor allem die Direktzahlungen an Bauern gemeint. Sie machen den größten Teil der GAP-Gelder aus und der größte Teil von ihnen wird nach Fläche ausgezahlt und nur an wenige Auflagen geknüpft.

Die Rettung der Artenvielfalt sei nur eines von vielen Umweltzielen, für die man in den kommenden Jahren Geld einsetzen könnte, schreiben die Autoren. Auch Klimaschutz spielt bislang etwa kaum eine Rolle. “Direktzahlungen ohne entsprechende Koppelung sind wissenschaftlich und ordnungspolitisch hingegen nicht begründbar.” Deshalb sei “ein stufenweiser Ausstieg aus den Direktzahlungen notwendig”.

Im Entwurf der EU-Kommission, der die Grundlage für Verhandlungen in den anderen EU-Institutionen ist, sind Flächenzahlungen weiter vorgesehen.

Jenseits der GAP-Reform plädieren die Wissenschaftler unter anderem für eine stärkere Einbindung der Umweltministerien in die Landwirtschaftspolitik: Die Erfahrung zeige, dass “die Kooperation zwischen Landwirtschafts- und Umweltseite sowohl auf Ebene der Ministerien als auch in der Verwaltung defizitär” sei. Deshalb sei “eine engere Kooperation oder eine vollständige Integration von Agrar- und Umweltpolitik geboten”.

Die Forscher halten außerdem auch klare Vorgaben für nötig. Sie schlagen zum Beispiel vor, die Zahl der Tiere pro Hektar zu begrenzen, die Landwirte halten dürfen. Daneben bringen sie eine verpflichtende ökologische Beratung für Betriebe ins Spiel.

Und ein Landwirtschaftsgesetz: “Es könnte durch Formulierung konkreter Standards sicherstellen, dass Umwelt- und Naturschutzstandards in der Landwirtschaft – auch ohne Subventionen – vollzugsfähig und damit kontrollfähig wären.”

Beispielsweise seien eindeutige “quantitative Kriterien für die Verbesserung der Artenvielfalt und regelmäßige Kontrollen auf der Basis eines Monitorings der Artenvielfalt” nötig.

Dass das nicht einfach nur ihre persönliche Einschätzung ist, machen die Wissenschaftler unter anderem mit einem Verweis auf deutsche und europäische Gesetze, Richtlinien und Strategien deutlich: “All diesen Rechtsgrundlagen und Initiativen zufolge muss der Rückgang der biologischen Vielfalt (…) in der Agrarlandschaft aufgehalten werden. Die aktuellen Trends müssen umgekehrt werden.”

Icon: Der Spiegel


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