Gesundheitsgefahren von Mineralwolle potenziell mit Asbest vergleichbar: Was wird die EU tun?

Da die Fraktionen im Europäischen Parlament über die Zusammensetzung der Ausschüsse entscheiden, verdienen eine Reihe von Themen, die aus der letzten Wahlperiode übernommen wurden, die Aufmerksamkeit der neuen Mitglieder des Ausschusses für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI). Die Frage eines besseren Schutzes von Bauarbeitern und Verbrauchern im Umgang mit gefährlichen Stoffen wie Mineralwolle (also auch künstliche Mineralfaser, Glaswolle oder Steinwolle bekannt) ist eine davon. Angesichts des zunehmenden Klimaschutzes im Bereich der Energieeffizienz von Gebäuden wird dieses Thema im Laufe des nächsten Parlamentsmandats immer wichtiger.

In seiner Stellungnahme zum Umgang mit gefährlichen Stoffen bei der energetischen Sanierung warnte der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA), dass “die Gesundheit der Arbeitnehmer nicht gefährdet werden sollte, um die Energieeffizienz von Gebäuden zu erhöhen”, und forderte die Europäische Kommission auf, die Beseitigung von Schadstoffen bei der Überarbeitung der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden eine Priorität vorzunehmen.

Der Berichterstatter der EWSA-Stellungnahme, Aurel Laurentiu Plosceanu, erklärte am 27. Juni in einer im Rundfunk übertragenen Diskussionsrunde im Europäischen Parlament: “Wir sind der Ansicht, dass das Thema der Entfernung von Schadstoffen wie Asbest und Mineralwolle für beide Arbeitnehmer und Verbraucher von Interesse sein kann, weil das Risiko von Krebs bei längerer Latenz sehr hoch ist. ”

“Aus dieser Perspektive hoffen wir, dass die neuen Mitglieder der Kommission und des Europäischen Parlaments mit Unterstützung der Mitgliedstaaten eine politische Entscheidung treffen, um lokale und nationale Programme zur Entfernung dieser Schadstoffe zu fördern, die im Bauzyklus noch ein gefährliches Krebsrisiko darstellen”, fügte er hinzu.

Mineralwolle war im Wesentlichen ein De-facto-Ersatz für Asbest, nachdem dieser Stoff verboten wurde. Lange Zeit wurde Asbest als Dämmstoff verwendet. Die ersten Hinweise auf die Gefahren bei der Arbeit mit Asbest tauchten im Jahr 1900 im Charing Cross Krankenhaus in London auf, als Dr. H. Montague Murray bei der Untersuchung eines jungen Mannes, der nach 14 Jahren Arbeit in einer Asbest-Textilfabrik an einer Lungenfibrose gestorben war, Asbestspuren in der Lunge des Opfers entdeckte. Der Inspektor für Fabriken in Großbritannien nahm daraufhin Asbest 1902 in eine Liste schädlicher industrieller Stoffe auf. Die Asbestindustrie spielte die Risiken herunter und konnte sich fast ein ganzes Jahrhundert lang erfolgreich verteidigen. Seit Asbest in den 1990er Jahren in den meisten Ländern verboten wurde, hat sich Mineralwolle als Ersatzstoff etabliert unter anderem um Gebäude zu isolieren.

Die Gesundheitsrisiken von Mineralwolle sind jedoch mit denen von Asbest vergleichbar.  Dr. Marjolein Drent, Professor für interstitielle Lungenerkrankungen am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Maastricht in den Niederlanden, erklärt: „Die Auswirkungen der Glas- und Steinwollefasern lassen sich mit denen von Asbest vergleichen. Früher wussten wir nicht, dass Asbest sehr gefährlich ist. Die Auswirkungen der Fasern in der Glas- und Mineralwolle werden erst jetzt sichtbar, deshalb müssen wir sorgfältig damit umgehen.  Diese Stoffe sind schädlich, aber die Menschen sind sich dessen nicht ausreichend bewusst, weshalb wir uns darum kümmern müssen. Es wird zu leicht akzeptiert, dass „wir einen Ersatz für Asbest haben”. Aber der Ersatz ist vielleicht nicht so gut, wie wir es am Anfang dachten, doch dieser Tatsache wird nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.”

In Österreich baut sich Druck hinsichtlich der Mineralwolle auf. Die österreichische Arbeiterversicherung AUVA betreibt eine Wahlkampfkampagne zum Thema Arbeitssicherheit, die krebserregende synthetische Mineralfasern behandelt und wirft ein Schlaglicht auf das gesundheitliche Risiko „alter“, krebserregender synthetischer Mineralfasern hinwies, die optisch nicht von neuen Fasern zu unterscheiden sind.

Es gibt eine Erklärung dafür, warum Asbest durch ein Material ersetzt wurde, das ähnliche gesundheitliche Risiken birgt. Die Mineralwolle wurde ursprünglich von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als krebserregend und für den Menschen gefährlich eingestuft.  Die Mineralwollindustrie änderte daraufhin die Zusammensetzung ihres Produkts, das dann weiteren Tests unterzogen wurde. Im Jahr 2002 wurde Mineralwolle als krebserregend deklassiert.  Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass sich das getestete Produkt von dem im Handel erhältlichen unterscheidet, da ein wichtiges „Bindemittel” entfernt wurde.  Es wird gefordert, dass die Europäische Chemikalienagentur (ECA) mit Sitz in Helsinki das verkaufte Produkt erneut testet.

Neben einer erneuten Prüfung des Produkts wird auch die Pflicht zum Einsatz geeigneter Schutzausrüstungen wie Gesichtsmasken durch Bauarbeiter gefordert.  Eine umfassende, klare Produktkennzeichnung sollte ebenfalls obligatorisch in der EU-Ebene sein, damit Benutzer über drohende Gesundheitsrisiken informiert und angeleitet werden können, sich zu schützen.

 

 


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