Bundeswehr: Oberstleutnant sprach vor rechtsextremen Burschenschaftlern

Das Verteidigungsministerium hatte angekündigt, die Vorwürfe “umgehend und sorgfältig” zu prüfen. Bohnert war für verschiedene Social-Media-Aktivitäten der Bundeswehr zuständig. Öffentlich stellte er sich wiederholt als “Social-Media-Leiter” vor, obwohl er laut Ministerium eigentlich nur Referent ist.

Bohnert betonte gegenüber der “Bild”-Zeitung, die politische Einstellung seines Gegenübers sei ihm nicht aufgefallen. Wörtlich erklärte er: “Ich distanziere mich von der ‘Identitären Bewegung’ und allen Rechtsradikalen. Ich habe mit diesen Menschen und diesem Gedankengut nichts zu tun, ich habe keinen Kontakt zu Rechtsradikalen.”

Vortrag vor rechtsextremer Burschenschaft

Nach SPIEGEL-Informationen erscheint das jedoch fraglich. Denn Bohnert hatte in der Vergangenheit nicht nur im Internet Kontakt zu Rechtsradikalen. Bildmaterial, das noch heute im Netz zu finden ist, zeigt ihn 2015 als Referenten in den Räumen der Münchner Burschenschaft “Cimbria”. Dort, so heißt es unter einem Bild und auch in einer Veranstaltungsankündigung, habe Bohnert sein Buch “Der einsame Kämpfer” vorgestellt. 

“Cimbria” gehört zu den Burschenschaften, die trotz des anhaltenden Rechtsrucks bis heute Mitglied im Dachverband “Deutsche Burschenschaft” (DB) sind. Der Verband verlor in den vergangenen Jahren viele Mitglieder, weil er zunehmend offen nationalistisch beziehungsweise rechtsradikal in Erscheinung trat. DB-Pressesprecher ist heute der Publizist Philip Stein, der auch die Organisation “Ein Prozent” leitet, die seit wenigen Wochen als rechtsextremer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz beobachtet wird. 

“Cimbria” ist zudem Mitglied der “Burschenschaftlichen Gemeinschaft” (BG), einem Zusammenschluss von 36 teilweise offen rechtsextremen Burschenschaften, die den rechten Flügel innerhalb der ohnehin rechten “Deutschen Burschenschaften” bilden. Die “Cimbria” führte zeitweise den Verband. Kritiker bezeichnen die Gemeinschaft als völkisch-nationalistisch, mehrere BG-Mitglieder wurden oder werden vom Verfassungsschutz beobachtet.

Auch die “Cimbria” pflegte in der Vergangenheit einen fragwürdigen Umgang mit der deutschen Geschichte. Zum Volkstrauertag 2011 kündigte die Burschenschaft ein “Heldengedenken” an. Eine Formulierung, die auch im Nationalsozialismus verwendet wurde und heute unüblich ist. An einer Veranstaltung dazu nahmen auch Mitglieder der sogenannten “Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger” teil und legten Kränze in den Farben schwarz-weiß-rot nieder. Soldaten ist der Kontakt zu der Organisation seit 1999 untersagt, weil sie als geschichtsrevisionistisch und rechtsradikal gilt. 2016 rief ein Nachbar der “Cimbria” die Polizei, weil er von “Sieg Heil”-Rufen aus dem Burschenschaftshaus in München geweckt worden sei.

Weitere Verbindungen zu Identitären

Bohnerts Vortrag stieß in den Reihen der rechten Burschenschaft offenbar auf großes Interesse. Ein Bild auf der Facebookseite der “Cimbria” zeigt ihn als Redner vor einem gut gefüllten Saal. Viele der jungen Männer im Publikum tragen Burschenschaftsmützen, stammen also offensichtlich auch aus den Reihen der “Cimbria” beziehungsweise mit ihr befreundeter Gruppen. 

Der Vortrag vor der rechten Burschenschaft war nicht die einzige Verbindung, die Bohnert in den vergangenen Jahren zu Mitgliedern der rechten Szene hatte. Wie Netzpolitik.org berichtet, beteiligte er sich 2013 auch an einem Sammelband, der unter anderem vom damaligen Oberleutnant Felix S. herausgegeben wurde. Dieser trat wiederholt bei den “Identitären” in Erscheinung – also dort, wo auch der nun bekannt gewordene Online-Kontakt von Bohnert politisch beheimatet sein soll.

Herausgeber Felix S. trat wiederholt in Werbevideos der Gruppe auf. In der “Sezession”, einer neurechten Zeitschrift, die vom Verfassungsschutz inzwischen als Verdachtsfall geführt wird, schrieb er 2010 über “offensichtliche Staatsverrottung”. Trotz dieser Umstände wurde der Sammelband, an dem sich Bohnert beteiligte, 2013 vom Bundeswehrverband gefördert.

Vorträge auch in anderen rechten Kreisen

Ein weiterer Sammelband, den Bohnert 2014 mitveröffentlichte, fand in neurechten Kreisen großen Anklang. Einer der Autoren stellte das Werk in der “Bibliothek des Konservatismus” in Berlin vor, die als wichtiger Bezugspunkt des neurechten bis offen rechtsextremen Spektrums gilt. In dem Buch, so fasste die “FAZ” zusammen, beklagten zahlreiche junge Soldaten vor allem den Zustand der deutschen Gesellschaft. Sie sei “hedonistisch und individualistisch”, so der Vorwurf. Die “Essenz der gesellschaftlichen Werte” seien heute “Selbstverwirklichung, Konsumlust, Pazifismus und Egoismus”.

Auch Bohnert trat bereits vor seinem Vortrag bei der Burschenschaft “Cimbria” in mindestens rechtskonservativen Kreisen auf. Auf einer sicherheitspolitischen Tagung des “Studienzentrums Weikersheim” sprach er laut Berichten über seine Erfahrungen im Afghanistankrieg. Das Studienzentrum steht seit seiner Gründung in der Kritik, die Grenzen zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus zu verwischen. Obwohl viele der Verantwortlichen CDU und CSU nahestehen, durften in der Vergangenheit auch Geschichtsrevisionisten und Rechtsradikale wie Horst Mahler in Weikersheim auftreten.

Aktivitäten fielen im Ministerium offenbar nicht auf

Das Verteidigungsministerium wollte sich nicht im Detail zu Bohnerts Kontakten oder seinem Auftritt bei der Burschenschaft äußern. Eine Sprecherin sagte auf SPIEGEL-Anfrage am Freitag lediglich, dass “die Ermittlungen alle Hinweise sorgfältig erfassen”. Aus rechtlichen Gründen könne man aber nichts über den Einzelfall des Offiziers sagen.

Abseits der offiziellen Linie wird der Fall im Ministerium ernst genommen. Aus dem Haus heißt es, Bohnert sei als Referent für Social Media im sogenannten Presseinfostab des Ressorts seit Beginn seiner Tätigkeit im Jahr 2016 nie wegen Sympathien zu Rechtsextremen oder Neurechten aufgefallen. Seine privaten Aktivitäten waren im Ministerium offenbar niemandem aufgefallen.

Gleichwohl erscheinen die Auftritte des Offiziers und das gemeinsame Buchprojekt mit Felix S. auch der Hausleitung ziemlich suspekt. Nach SPIEGEL-Informationen wurde der Oberstleutnant umgehend nach den Hinweisen des ARD-Magazins suspendiert und hat auch keinen Zugang mehr zum Ministerium. Bohnert selbst ließ Nachfragen des SPIEGEL bis zum Freitagmittag unbeantwortet.

Marcel Bohnert warb auch für das KSK

Für die Bundeswehr kommen die Berichte über Marcel Bohnert zu einem schwierigen Zeitpunkt. In den vergangenen Monaten sorgten immer wieder Enthüllungen über mutmaßlich rechtsextreme Netzwerke in der Truppe für Aufsehen. Anfang Juli kündigte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an, eine komplette Kompanie des “Kommando Spezialkräfte” (KSK) aufzulösen. Dort waren besonders viele Soldaten auffällig geworden, das Verteidigungsministerium selbst sprach von einer “toxischen Führungskultur”.

Auch Marcel Bohnert war in der Vergangenheit im Umfeld des KSK im Einsatz. Als Projektleiter war er unter anderem auch für die Produktion der Webserie “KSK – Kämpfe nie für dich allein” zuständig. Bohnert stellte das Projekt ausführlich in den Medien vor und bewarb es auch auf seinem Instagram-Kanal. Das aufwändige Format sollte der Bundeswehr dabei helfen, neue Zielgruppen zu erreichen.

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