Seit Monaten versuchen Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien von Belarus aus, in die EU zu gelangen. Bisher sollen mindestens zehn Menschen dabei gestorben sein. Die Geflüchteten seien verzweifelt, ihre Lage werde von Tag zu Tag schlimmer, sagte Kyle McNally, Berater für humanitäre Fragen bei der Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« dem SPIEGEL. Er war gerade in Belarus und warnt: »Wenn die EU-Staats- und Regierungschefs und die belarussische Führung so weiter machen, werden mehr Menschen an der Grenze sterben.«
Dort fallen die Temperaturen nachts nun unter null Grad. Bis zu 4000 Menschen harren allein in der Nähe der Fernstraße 6 bei Kuznica aus, weitere Hunderte werden in den Wäldern vermutet. Bis heute hätten Teams seiner Organisation keinen Zugang zu der Grenzregion in Polen und Belarus, sagte McNally: »Den brauchen wir dringend, um endlich die Flüchtlinge versorgen zu können.«
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Brüssel und die EU würden »mit zweierlei Maß« messen, kritisierte der Vertreter der Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen«. Die Staats- und Regierungschefs der EU seien sehr schnell dabei, bedingungslosen und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu fordern, wenn es um ferne Länder weit weg von Europa gehe. »Wenn aber Menschen an der EU-Grenze leiden oder sterben, dann schweigen die EU-Politiker.«
Verletzungen durch Schläge mit Gewehrkolben und Tritte
In der belarussischen Hauptstadt Minsk habe er verletzte Flüchtlingen getroffen, berichtete McNally: »Ich habe Menschen mit Verletzungen gesehen, verursacht durch Schläge mit Gewehrkolben, Tritten in die Rippen, Spuren von Elektroschockern in Nacken.« Die Menschen seien nach eigenen Angaben von polnischen und litauischen Grenzsoldaten mit Gewalt zurückgedrängt und misshandelt worden, bräuchten zügige medizinische Versorgung. »Die Gewalt an der Grenze ist völlig unakzeptabel, muss gestoppt werden.«
Seit Wochen versuchen Tausende Flüchtlinge immer wieder, nach Polen und Litauen zu gelangen, werden dabei auch mit Gewalt von Sicherheitskräften der EU-Staaten zurückgedrängt. In Polen haben inzwischen 15.000 Soldaten an der Grenze Stellung bezogen.