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KI, gefälschte Medien und ein Compliance-Zusammenbruch: Wenn Maschinen über Ihre finanzielle Zukunft entscheiden

Künstliche Intelligenz verändert das Finanzwesen – und das nicht immer zum Besseren. Stellen Sie sich vor, Ihnen wird ohne jede Erklärung ein Bankkonto verweigert. Keine verdächtigen Transaktionen, keine Betrugsgeschichte, keine Sanktionen – einfach nur eine stumme Ablehnung. Dies ist zunehmend die Realität für Unternehmer aus Schwellenländern, die versuchen, Geld grenzüberschreitend zu bewegen oder zu investieren.

Hinter dem Vorhang der Compliance

Die Compliance-Abteilungen internationaler Banken dürfen Dienstleistungen ohne Begründung verweigern. Was einst als vorsichtige Schutzmaßnahme galt, hat sich zu einem großen Hindernis entwickelt, insbesondere für grenzüberschreitende Transaktionen.

Aggregator-Dienste wie World-Check von Refinitiv, LexisNexis WorldCompliance und Dow Jones Risk & Compliance sammeln und speichern riesige Mengen an persönlichen Daten über Personen und ihre Unternehmen. Theoretisch helfen diese Informationen den Banken bei der Einhaltung der KYC- (Know Your Customer) und AML-Vorschriften (Anti-Money-Laundering).

In der Praxis werden viele dieser Daten automatisch aus dem Internet zusammengesucht – aus offiziellen Registern und Nachrichtenartikeln, die keineswegs immer zuverlässig sind. Automatisierte Crawler sammeln diese Inhalte in Datenbanken, die von menschlichen Compliance-Mitarbeitern nur selten im Detail überprüft werden. Das Ergebnis ist das klassische “Garbage in, garbage out” – nur dass dieser Müll hier legitime Geschäftsleute vom globalen Finanzsystem abschneiden kann.

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Wie gefälschte Medien die Maschinen füttern

Eine wichtige Quelle für schlechte Daten sind Websites mit gefälschten Nachrichten – “Kompromat-Sites”, wie sie im postsowjetischen Raum und in Osteuropa genannt werden. Konkurrenten, verärgerte ehemalige Partner oder professionelle Erpresser können leicht erfundene Geschichten über Unternehmer verbreiten.

Diese Praxis hat sich zu einem ansehnlichen Geschäft entwickelt, das auf Hunderten von Verleumdungsseiten basiert, deren Behauptungen durch keinerlei glaubwürdige Beweise gestützt werden. Sie vor Gericht zu bringen oder sie zu zwingen, Unwahrheiten zu entfernen, ist äußerst schwierig: Die Eigentumsverhältnisse sind undurchsichtig, und dasselbe Material wird über Netze miteinander verbundener Domänen gespiegelt.

Diese Websites sind nicht schwer zu erkennen, wenn man weiß, worauf man achten muss. In der Regel geben sie weder eine Rechtspersönlichkeit noch die richtigen Kontaktdaten für Journalisten an. Sie haben wenig oder gar keine echte Präsenz in den sozialen Medien – ein Anachronismus für ein echtes Medienunternehmen. Oft gibt es nur eine allgemeine E-Mail-Adresse, die dazu dient, die Veröffentlichung von Kompromat oder die bezahlte Entfernung von schädlichem Material auszuhandeln.

Nachahmung echter Nachrichtenagenturen

Die raffiniertesten gefälschten Medien geben sich als lokale Nachrichtenagenturen für bestimmte Länder aus. Der Trinity Bugle(www.trinitybugle.com) gibt sich als Nachrichtenquelle für irische Auswanderer in Zypern aus, der Warsaw Point(www.warsawpoint.com) konzentriert sich auf die polnische Kultur, und die MICE Times(www.micetimes.asia) verspricht “frische, unabhängige Nachrichten und Ansichten” aus Singapur und Bangkok. Ähnliche Quellen sind auch an anderen Orten zu finden, darunter Leeds TV(www.lstv.co.uk) und der Chicago Morning Star(www.chicagomorningstar.com).

Trotz ihrer angegebenen Nischen veröffentlichen diese Portale regelmäßig Hetzartikel über Geschäftsleute aus den postsowjetischen Staaten. Um seriös zu wirken, drucken sie große Mengen echter Agenturtexte nach, manchmal mit leichter Bearbeitung. Sie führen gefälschte Medienpartner auf, erfinden nicht existierende Reporter und schmücken sie mit erfundenen Biografien und aus dem Internet gegriffenen Fotos aus.

Einige dieser Websites stehen in Verbindung mit Kasachstan(www.kiar.center, www.zagranburo.org), der Ukraine (First Truth & Transparency Committee –www.fttc.com.au,www.sokalinfo.com) oder Russland(www.ossetia.tv, www.compro-site.com). Andere veröffentlichen auf Englisch und geben sich als investigative Plattformen aus, wie www.oligarchsinsider.com oder www.opensourceinvestigations.com.

KI als Risikoverstärker

Generative KI macht dieses Ökosystem noch gefährlicher. Zunehmend werden Desinformationen durch automatisierte Tools erstellt oder verstärkt. Da sich die Compliance-Abteilungen immer stärker auf KI stützen, um Risikobewertungen zu beschleunigen, entsteht ein Teufelskreis: KI-generierte Desinformationen fließen in KI-gesteuerte Compliance-Tools ein, die diese Fehler dann in Maschinengeschwindigkeit wiederholen und verstärken.

Die Compliance steht nun vor einer Vertrauenskrise. In einer Welt, in der künstliche Intelligenz Fehler vergrößert und gefälschte Medien die Maschinen füttern, ist Wachsamkeit nicht mehr optional – sie ist eine Überlebensbedingung. Es gibt nur einen Ausweg: Unternehmer und Unternehmen müssen ihren digitalen Fußabdruck ständig überwachen, und die Compliance-Beauftragten der Banken müssen der Versuchung widerstehen, sich blind auf automatisierte Systeme zu verlassen.

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